• Elisa Witt

#11 Die Gründung (eines Coworking Cafés)

Lieber wäre mir die Überschrift 'In 100 steinigen Schritten zum eigenen Unternehmen' gewesen, aber das ist wohl abschreckend denke ich. Es gibt viele Bücher, Blogs, Tipps zum Thema Gründung, eigene Gastronomie, Coworking Space. Aber ehrlich gesagt würde ich im Nachhinein so einiges rot kennzeichnen. Letztendlich gibt es keine Anleitung und kein "So geht es richtig." Vor allem beim Thema Bürokratie ist es einfach reine Glückssache! Wirklich wahr. Dein Standort und die Personen, die die Anträge entscheiden, sind diejenigen die dich weiter lassen, schnell oder langsam, leicht oder problematisch.

Aber fangen wir von vorne an.


1. GRÜNDUNGSIDEE

Ein Unternehmen zu gründen bedeutet Du selbst hast ein Problem und findest dafür keine Lösung oder du erkennst an einem bestimmten Standort eine Marktlücke. Im besten Falle ist es beides, denn so spielen Leidenschaft und Notwendigkeit perfekt miteinander. Bei mir war es eher der erste Punkt. Ich selbst habe keine geeigneten Lösungen für meine Probleme hier in Schwerin gefunden:

  1. Arbeitsplatz neben Homeoffice

  2. Netzwerk von innovativen Macher*innen

  3. eigenen Arbeitsplatz schaffen

Ich war vor allem auf der Suche nach einem Café mit Internet. Danach nach einem Kreis junger, motivierter Gründer*innen und dann überhaupt nach Arbeit für mich in meiner neuen, alten Heimatstadt. Schwerin war perfekt zum Leben, aber hat mir keine berufliche Perspektive geboten. Das hat sich etwas geändert. Ich habe meine Probleme selbst gelöst.


2. LEBENSUNTERHALT während der Gründung

Neben der Suche nach einem geeigneten Konzept für die Stadt Schwerin, einem Standort, Finanzierung und einer potentiellen Zielgruppe gab es auch immer die Notwendigkeit nebenbei Geld zu verdienen. Die erste Hürde, welche man als Gründerin nehmen muss. Wie kannst du etwas Neues aufbauen? Wie ein Konzept entwickeln? Dich ausprobieren? Ohne einen finanziellen Puffer. Es gibt keinerlei Unterstützung oder Begleitung - es

sei denn du meldest dich arbeitssuchend. Seltsames Mindest zum Thema Selbstständigkeit. Potentielle Gründer sind für Standorte wie Schwerin goldwert. Sie bringen frischen Wind, Arbeitsplätze, Innovationen und Entwicklung für eine Region. Wieso diese nicht einfach unterstützen? Nun ja ich habe so gut es geht versucht weiter zu arbeiten an meinen Projekten in Hamburg, um mein Leben zu finanzieren. Nebenbei das Konzept "tisch" entwickelt. An irgendeinem Punkt musst du dich dann entscheiden: Wie lange hälst du die Doppelbelastung aus - immerhin brauchst du Kraft für so eine Gründung. Ich habe im Dezember 2018 die Idee verinnerlicht, von Januar bis April 2019 Immobilie, Finanzierung, Konzept aufgestellt und im Mai 2019 mit dem konkreten Aufbau des Ladens begonnen. Am 26.Juli 2019 eröffnet. Zum Mai musste ich meine Jobs/Projekte in Hamburg abbrechen, um 100% Zeit für den tisch zu haben. Ab da bist du auf Dich gestellt. Einige Gründer*innen geben ihre Wohnungen auf, verkaufen private Anschaffungen, um ihre Kosten zu decken. Familie und sparsames Leben waren meine Hilfen.

3. IMMOBILIE UND GELD UND NETZWERK

Am besten du hast alles oder wenigstens eines. Komplett von 0 starten ohne eigene Mittel - sei es finanziell oder durch eigenes Können - ist eine ganz schön große Aufgabe, wenn man eine Marke und einen eigenen Laden aufbauen will. Ich hatte ein wenig Startkapital (ein Hoch auf die Familie!), kreative, tolle Kontakte aus meiner Zeit aus Hamburg und kann ganz gut verkaufen. Das heißt konkret: den Vermieter meiner Wunschimmobilie habe ich zum Fan meiner Idee machen können und somit auch zum Unterstützer. Den Kreditgeber habe ich nach einer ersten Ablehnung in einem persönlichen Gespräch von der Machbarkeit der Businessidee überzeugt und mit einem befreundeten Grafiker, kreativen und handwerklichen Freunden ging vieles in Eigenregie. Das sind Gründe warum ich unbedingt eine Art Verein/Klub/Gang gründen möchte. Zusammen kann man viel mehr starten und ganz alleine ist man nur halb so schnell. Ein Fond für Gründer*innen, ein Netzwerk aus Grafikern, Architekten, Marketinggenies, oder einfach wen mit dem du dich austauschen kannst, das wäre doch was. Natürlich gibt es Förderungen. Ich selbst habe beim IHK Wettbewerb "Erfolgsraum Altstadt" mitgemacht und sogar gewonnen. Aber das bedeutet alles: noch mehr Arbeit, die man im Zuge der Gründung kaum leisten kann.


4. DIE BÜROKRATIE

Völlig unterschätzt und wirklich verbesserungswürdig möchte ich im Nachhinein meiner Gründung die bürokratischen Hürden beschreiben. Es gibt viele Merkblätter der IHK. Das war´s. Aber tatsächlich haben die mir immerhin einen Weg aufgezeigt. In meinem Falle: 'Geschäft mit alkoholischem Ausschank', denn natürlich war das Konzept Coworking Space hier in keiner Behörde ein gängiger Begriff. So war es bei mir dann der Weg eines Gastronomen: Du musst einen Antrag bei dem Gewerbeamt stellen, dafür benötigst du einige Unterlagen: Unterrichtung nach §4 Abs. 1 Nr. 4 Gaststättengesetz (kostet Geld.), Gesundheitsschein beim Gesundheitsamt (kostet Geld.), Führungszeugnis, Mietvertrag, der Antrag selbst. Beim Mietvertrag kam dann nebenbei heraus, dass das Objekt, welches ich für perfekt erkoren hatte, mit einer Nutzung für ein Ladengeschäft eingeschrieben war. Das war wohl so die größte Hürde und auch etwas unplanbar. Denn so eine Nutzungsänderung, die ich brauchte da ich Gastronomie mit anbieten wollte, kann bis zu einem halben Jahr dauern. Da finde mal einen Vermieter, der so lange wartet. Der Antrag beim Bauamt für eine Nutzungsänderung ist dann wirklich etwas für was man einen Architekten und Ausdauer benötigt. Man gibt den Antrag in sechsfacher Ausführung ab. Darin enthalten Pläne für Brandschutz (kostet Geld.), Pläne für Sanitär, Belüftung, das Konzept selbst, Öffnungszeiten, genaue Nutzung, behindertengerechte Zugänge, du brauchst auch einen Fettabscheider (auch das muss dem Bauamt vorliegen) - egal ob du Speisen anbietest oder nicht - aber auch hier habe ich überzeugen können, dass ich davon befreit werde. Letztendlich kommen viele Kleinigkeiten unplanbar auf dich zu, die Zeit und Geld kosten, was in der Gründungsphase rar gesät ist.

Auch dieser Blogbeitrag soll kein 'How to' sein, denn ich befürchte all dies ist recht individuell. Es kommt auf die Immobilie an und auf die Beamten, die dich betreuen. Ich hatte "Glück".

Und wenn du alle Anträge verschickt hast und keine Änderungswünsche oder Ablehnungen mehr eintrudeln, wartest du auf die Genehmigungen. Erst dann macht es Sinn zu starten, denn eine Ablehnung kann doch irgendwie immer noch kommen. Auch nicht so ganz praxisnah.


Um nicht den letzten Leser zu verlieren wegen zu starker Demotivation: das alles macht unheimlich Spaß und ist begeisternd einnehmend. Du arbeitest viel und mit neuen Problemen, aber immer mit dem Ziel deinen Traum zu erfüllen und dein Ding zu machen. Wenn du die Arbeit in einem Team aufteilen kannst, super gut. Ich habe viel Unterstützung meiner Freunde und Familie bekommen und man kann sagen so ein Tag auf der Baustelle ist viel Wert für eine gute Freundschaft. Jeder wird zu einem Teil deiner Idee und unterstützt dich. Auch eine Erfahrung, die ich niemals missen wollen würde.


Vor, während und/oder auch nach der Öffnung kommt dann noch das Lebensmittelhygieneamt. Hier findet man leider keinerlei Infomaterial, was man anbringen/einbauen muss, wenn man etwas anbietet. Telefonate bringen dich etwas in die richtige Richtung, aber letztendlich auch nur der Besuch der Beamtin selbst. Kühlung, Lager, WC, Abfall wird geprüft. Bei mir kam dann noch heraus, dass ich eine Wasserprobe durchführen lassen muss (kostet viel Geld.). Alles genehmigt.

Aber wenn du etwas ändern möchtest (z.B. Öffnungszeiten, doch etwas zu Essen anbieten) dann bedeutet das: Antrag beim Bauamt, Fettabscheider und sicher auch etwas beim Lebensmittelhygieneamt. Kann man aber nicht nachlesen. Da gibt es keinen allgemeinen Ablauf.


Dass mein Geschäftsmodell für Schwerin vor allem Aufbauarbeit heißt, war mir von Anfang an klar. Freunde, Bekannte, Vermieter, der Bank - eigentlich jedem musste man den Begriff Coworking erklären. Und auch alle Ämter konnten/können wenig oder kaum etwas mit dem Business anfangen. Das machen bestimmte Anträge oder eben eine Krise wie Corona mit Lockdown besonders schwierig für mich. Du wirst dann einfach pauschal einer Branche zugeordnet, was beispielsweise beim Lockdown insofern hinderlich war als dass auf allen Seiten Unsicherheit herrschte bei der Frage, wann mein Geschäft wieder öffnen darf und mit Auflagen der Gastronomie oder doch des Einzelhandels?

Also wenn ich mal groß bin, möchte ich das ändern. Sodass man ganz klare Vorgaben hat ohne 110-seitige Merkblätter und verschwobene Ansichten. Sodass man zu jeder Zeit klar weiß, was man darf und muss. Sodass man gründen kann mit Freude und Euphorie und ohne Pause und Unsinnigkeiten.


5. GRÜNDERALLTAG

Im Alltag angekommen bist du erst so richtig nach einigen Monaten. Das spannendste wenn die ersten Gäste kommen ist, ob dein Konzept aufgeht. Du an alles gedacht hast. Und man kann wohl sagen so richtig Berufsalltag wird sich nie einschleichen. Denn es kommen täglich neue Aufgaben auf dich zu. Bei mir war es sicherlich vor allem das genaue Beobachten der Kunden. Es stellte sich relativ schnell heraus, dass der gemeine Schweriner kein Coworker ist wie anderswo. Abos oder Netzwerkevents brauchten seine Zeit oder flopten ganz. Der Markt in Schwerin war mit mobilem Arbeiten noch nicht wirklich vertraut und das Thema Netzwerken sehen nicht viele Leute als wichtig an. Umso spannender deine Aufgaben. Werbung gezielt ausrichten, Angebote kontinuierlich ausprobieren und verändern, Bekanntheit schaffen - das war und ist mein Alltag.


Ich wünschte ich könnte mehr Hoffnung auf Flexibilität und Schnelligkeit beim Gründen geben, aber das ist nach diesem Text wohl vorbei. Letztendlich bin ich nun 1 Jahr und 3 Monate alt und weder durchgedreht noch weggelaufen. Das gibt doch Hoffnungen, oder? Jeder Gast, der zu mir kommt und nach ein paar Tipps fragt, dem sage ich aber komm einfach öfter zum tisch und nutze die Erfahrungen von anderen Leuten - auch gerne meine. Egal in welche Richtung du etwas gründen willst, es gibt gute und schlechte Tage und manchmal auch die besten. Freu dich darauf und leg einfach los. Irgendetwas wird sich ergeben.


Und wenn du bis zum Ende gelesen hast: Willkommen im Klub! Du hast dich offensichtlich nicht abschrecken lassen und das heißt du hast scheinbar etwas Hartnäckigkeit in dir (und Humor) und genau das bedeutet du hast Gründungsgeist! Yeah!



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